Kaisers neue Kleider und die Vollendung der Trilogie

Posted on 26.09.13


1994 entstanden in den Alpen drei Erstbegehungen. Thomas Huber durchstieg nach langjähriger Vorarbeit seine Route „End of Silence“ am Feuerhorn in den Berchtesgadener Alpen. Der Vorarlberger Beat Kammerlander vollendete ein altes Martin Scheel Projekt an der vierten Kirchlispitze im Rätikon und nannte die Route „Silbergeier“. Im Wilden Kaiser konnte dann Stefan Glowacz im selben Jahr einen Schlussstrich unter sein langjähriges Projekt „Des Kaisers neue Kleider“ am Fleischbankpfeiler ziehen.  Diese Trilogie wurde zu einem Meilenstein in der Geschichte des alpinen Sportkletterns. Es war damals ein gewaltiger Sprung in eine neue Schwierigkeitsdimension. Die kürzeste der drei Routen „Silbergeier“ ist sechs Seillängen lang und „End of Silence“ mit elf Seillängen, ist die längste Route der Trilogie. Jede dieser Routen weißt gleich mehrere Seillängen im zehnten und oberen zehnten Schwierigkeitsgrad auf. Nach der Erstbegehung von Beat Kammerlander dauerte es einige Jahre bis schließlich Peter Schäffler 1997 den Bann brach und den „Silbergeier“ wiederholte. Andreas Jörg machte dann Schlagzeilen mit der ersten Wiederholung von „End of Silence „ und der zweiten Wiederholung von „Silbergeier“ Im Jahr 2000. Stefan Glowacz vollendete 2001 als erster die Alpen Trilogie. 2005 erfüllte sich Harry Berger einen Traum mit der ersten Wiederholung der Trilogie.

Trilogie:

Ich verfolgte nicht von Anfang an das Ziel die Alpen Trilogie zu klettern. Anfangs stand nur das Meisterstück von Beat Kammerlander der „Silbergeier“ auf meiner Wunschliste.

Nina Caprez  und ich beschlossen im Sommer  2011 diese Route zu versuchen. Nach mehreren Anläufen lief es immer besser und wir konnten bald alle Züge machen und einige Passagen zusammenhängend klettern. Nach dem vierten Tag im Silbergeier musste ich dann verletzungsbedingt abbrechen, sechs Monate pausieren und insgesamt zwei Jahre Abstand vom Silbergeier nehmen. Im selben Jahr sicherte sich Nina die erste Frauenbegehung dieser Route.

Ich war zu diesem Zeitpunkt so motiviert und extrem inspiriert von Ninas Begehung, dass ich schon im Folgejahr nach einer ähnlichen Herausforderung suchte. Ich wollte eine Route, die einen ähnlichen Kletterstil aufweist und somit beschloss ich zusammen mit Emanuel Falch zum Feuerhorn nach Berchtesgaden zu pilgern. Genauer zu der Route „End of Silence“.

Nach längerem recherchieren  im Web war für mich klar wir brauchen nur Expressschlingen und keine weiteren mobilen Sicherungshilfen, wie Camelots oder Keile für „End of Silence“. Da stießen wir dann aber schnell an unsere mentalen Grenzen. Der Stil dieser Route war etwas anders. Die Hakenabstände weit, wie auch im Silbergeier. Aber gerade in den leichteren Längen so weit, dass man schon einiges riskieren musste, ohne zusätzliche Sicherungsmittel. Mit Keilen und Cam’s im Gepäck gestaltete sich das Ganze dann viel relaxter. Wir kletterten am zweiten Anlauf bis zur fünften Länge vor und mussten feststellen, dass es wohl ein hartes Stück Arbeit werden wird. Alleine schon die einzelnen Längen zu klettern forderte mich extrem.

Mit der Zeit und nach vielem probieren der Schlüssellängen, die sich im oberen Drittel der Route befinden lief es aber dann immer besser. Die oberen Längen checkte ich zusammen mit Emanuel von oben aus. Am 1. August 2012 beschloss ich dann einen ersten Durchstiegs-Versuch von unten zu machen. In der ersten 7c+ kletterte ich schon am letzten Hemd und völlig gepumpt zum Stand. Aber bis zur 9. Länge lief es dann super und ich konnte alles bis dahin im ersten Versuch durchsteigen. An der 9. Seillänge begann dann der Psychothriller. Nach zwei Stürzen und in müdem Zustand konnte ich mir nicht mehr richtig vorstellen die „End of Silence“ an diesem Tag zu klettern. Aber mein Kopf setzte sich zum Glück durch und ich stand nach 10 Stunden in der Wand endlich erfolgreich am Gipfel der „End of Silcence“.

Dieses Jahr ging ich dann mit gemischten Gefühlen zurück zum Einstieg des „Silbergeiers“. Ich war mir nicht sicher ob dies eine gute Idee ist. Die Angst vor einem neuerlichen verletzungsbedingten Rückfall war groß. Dieses Jahr fühlte es sich viel besser an. Ich musste nicht mehr lange ausbouldern und konnte die schweren Passagen schnell und kontrolliert klettern. Am Ende war es dann aber doch eine große Überraschung als ich am Top des „Silbergeiers“ stand. An diesem Tag wollte ich mir eigentlich  zusammen mit Tobias Bitschnau die ersten drei Längen nochmals genauer anschauen. Tobi wollte sich im Nachstieg ein Bild vom Silbergeier machen. Von Anfang an lief alles super flüssig, dass ich am Nachmittag des 28. Juli überglücklich am Ausstieg stand. Das hat mir fast am aller meisten bedeutet. Ohne Schmerzen über diese speziellen Züge zu klettern, wieder voll belastbar zu sein und am Ende mit einem wunderschönen Abenteuer mehr in der Tasche, überschütten von Glücksgefühlen, am Gipfel zu stehen.

Erst zu diesem Zeitpunkt setze ich mir in den Kopf die Trilogie vollenden zu wollen. Die erste Woche nach der Begehung des „Silbergeiers“ ging ich es dann eher ruhig an. Aber ich konnte es kaum erwarten endlich in den Wilden Kaiser zu fahren. Man muss dazu sagen ich hatte einen Partner, der  für „ Des Kaisers neue Kleider“ mindestens so motiviert war wie ich. Jacopo Larcher startete zusammen mit mir dieses Vorhaben. Wir wechselten uns meistens ab mit vorsteigen, platzierten Fixseile in der Wand und checkten die einzelnen Seillängen aus. Bis zur 8. Seillänge waren schon bald alle Züge machbar. Aber die achte Seillänge raubte uns den letzten Nerv. Immer wieder versuchten wir über alle nur denkbaren Möglichkeiten über diese Schlüsselstelle zu kommen. Aber unsere Füße wollten einfach nicht stehen bleiben auf den rutschigen Mini-Tritten. Jacopo konnte bald eine passende Lösung finden und die Schlüsselstelle klettern. Ich versuchte vergebens weiter auf  meine Lösung zu kommen. Schlussendlich war es auch bei mir soweit und es zeichnete sich immer mehr ab, dass es vielleicht dieses Jahr noch klappen könnte mit der Trilogie. Aber ganz wollte es mir irgendwie noch nicht in den Kopf hinein.

Ohne zu klettern, einfach nur bis zur achten Länge zu jumaren raubte mir schon einiges an Kraft.  Daran zu denken, noch genügend Kraftreserven zu haben, nachdem man sieben schwierige athletische Längen hinter sich hat, war für mich unvorstellbar. Immer wieder waren die Griffe in der fünften Länge nass und es brauchte immer zwei trockene Tage, damit diese Länge wieder kletterbar war. Die Zeit rannte uns fast davon.

Zuerst machte Jacopo den ersten Versuch von unten. Zwei Tage später wagte ich den ersten Versuch. Nach einer  drei- tägigen Schönwetterperiode hatte ich weit bessere Bedingungen als Jacopo bei seinem Versuch. In den ersten Längen und auch in der ersten 8b+ lief alles super. Ich war zwar extrem nervös aber machte keine Fehler und konnte alle Längen bis zur 8. durchsteigen. Um ca. 3:30 Uhr erreichten wir den Stand der 8. Seillänge. Ich fühlte mich schon ziemlich aufgebraucht. Nach einer halben Stunde Pause startete ich den ersten Versuch, der mir schon in den ersten vier Metern missglückte. Ich konnte einfach keine Spannung mehr aufbauen, auf den kleinen Dritten.

Jede halbe Stunde hörte man am Fleischbankpfeiler ein lautes Fuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuck und immer wieder hing ich vergebens im Seil. Das, insgesamt sechs Mal.  Alle Hoffnungen verflüchtigten sich.  Meine Kräfte waren komplett am Ende. Aber irgendwie kam ich dennoch bei jedem Versuch eine Spur weiter. Das motivierte mich für jeden weitern Versuch. Kaum zu glauben, selbst erschrocken hatte ich dann endlich den Henkel nach der Schlüsselstelle in der Hand. Jetzt nur Ruhe bewahren hieß die Devise und irgendwie kämpfte ich mich über den letzten pumpigen Teil der Route bis zum nächsten Stand.  Ein großer Traum ging in Erfüllung. Da ich kaum noch Nerven hatte, war ich den Tränen nahe. Nach der letzten eher leichten Länge, um 7 Uhr Abends standen wir zusammen auf dem Gipfel des Fleischbankpfeilers.

Für mich einer der schönsten Momente, überhaupt!

Drei Tage später durchstieg auch Jacopo die „Kaisers neue Kleider“. Er machte es weit nicht so spannend wie ich und kletterte jede Länge im ersten Versuch ohne jeglichen Hänger.

Es war eine unglaublich schöne Zeit diese Route gemeinsam zu versuchen, sich gegenseitig zu motivieren und das gleiche Ziel zu verfolgen.  Von Tag zu Tag dem Ziel näher zu kommen und schlussendlich gleich hintereinander das Projekt erfolgreich abzuschließen.

„Da Wahnsinn :-)“

 

Ich möchte mich bei ALLEN bedanken, die mich bei diesen Projekten unterstützt haben. Riesen Dank an Jacopo Larcher, Emanuel Falch, Matthias Knaus, Nina Caprez, Florian Metzler, Tobias Bitschnau, Andreas Miller, Jürgen Höfle, Hannes Mair

Ohne Euch wäre es nicht gegangen, daaaanke für die Gaudi und die coolen Tage im Gebirge!!

 

Die drei Routen im Vergleich:

Die kürzeste der drei Routen ist der Silbergeier im Rätikon mit sechs Seillängen. Meiner Meinung nach hat diese Route die meisten schönen Längen.

Im „Silbergeier“ und auch in „End of Silence“ findet man sehr technische Kletterei. Diese zwei Routen sind nicht so sehr überhängend und kräftig wie „Kaiser neue Kleider“ aber wie gesagt technisch sehr anspruchsvoll. Den größten alpinen Charakter hat „End of Silence. Weite Hakenabstände; gerade in den leichteren Längen sollte man auch Camelots oder Keile dabei haben. Auch im „Silbergeier“ findet man weite Runouts und muss sich vor dem ein oder anderen weiten Abgang fürchten. Im Kaiser ist eher Sportkletter-mässig abgesichert. (ausgenommen die obere 6b Länge)

In der „Kaisers neue Kleider“ sind am meisten schwere Längen und die Kletterei ist im Vergleich zu den anderen Routen sehr athletisch. Für mich war es von der Schwierigkeit her, die härteste Route.  Aber alle drei Routen sind auf ihre eigene Art und Weise sehr anspruchsvoll. In jede Tour musste ich ca. 10-15 Tage investieren.

pics: copyright Klaus Dell Orto

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